Analoge Fotografie? Im Jahr 2022?

Wer sich einmal durch die alten Familienalben gewälzt hat, wird dieses subtile Gefühl der Melancholie sicherlich kennen. Es sind die Bilder. Analoge Bilder unserer Kindheit, der Kindheit unserer Eltern und Erinnerungen an Zeiten, die wir selbst vielleicht nie miterleben durften. Wenn ich an unsere Familienalben denke, dann sehe ich die Hochzeitsfotos meiner Eltern vor mir, meine Mama neben ihrem ersten Auto (einem weißen Ford Escort) und meine Brüder als kleine Jungs im Spanienurlaub, als meine Wenigkeit noch gar kein Thema war. Wann immer ich mich durch diese Bilder blättere, ist es absolut egal, wie fotografisch wertvoll diese sind, dass der Blitz allen Abgelichteten rote Augen beschert oder sie grundsätzlich nicht das sind, was man gemeinhin als gestochen scharf erachtet.

Analog ist einzigartig

Analoge Fotografie ist nicht so einfach reproduzierbar, wie die digitale. Serienbildmodus gab es nicht. Für ein gutes analoges Bild mussten viele Faktoren stimmen und es war nicht möglich einfach nachzusehen, ob es etwas geworden ist. Die Entwicklung eines Films konnte Tage in Anspruch nehmen und sollte sich herausstellen, dass diese Bilder absolut für die Katz’ waren, dann war auch die Situation bereits für immer verloren und konnte als Erinnerung lediglich Platz im eigenen Kopf finden. Vielleicht ist es das Wissen um diese Umstände, die uns über kleine Bildfehler in der analogen Fotografie hinwegsehen lassen. Vielleicht sind es aber auch diese kleinen Fehler, welche ein Bild erst richtig charmant machen.

Ich hatte noch versucht, die Wassertropfen auf dem Plastikgehäuse mit meinem Ärmel zu trocknen. Dabei war nicht nur sehr unerfolgreich, sondern hinterließ auch den ein oder anderen Flusen auf der Linse.

So oder so, der Bildlook der analogen Fotografie ist derart einzigartig, dass es heutzutage genügend Filter gibt, um digitalen Bildern einen solchen Look zu verleihen. Im Zuge der Digitalisierung scheint sich die analoge Fotografie ein wenig zurück zu ziehen. Ich möchte euch aber ein paar Gründe nennen, warum es sich lohnen kann, diese Form der Fotografie zu bewahren.

Analoge Einwegkamera – keep it simple

Seit etwa über einem Jahre verwende ich regelmäßig eine analoge Einwegkamera. Die gibt es für wenige Kröten in der Drogerie und hat im Gegensatz zu meiner analogen Spiegelreflex-Kamera absolut keine Einstellungsmöglichkeiten – nur einen Auslöser, das war’s. Es ist also nicht möglich, über die Wahl der Blende oder der Belichtungszeit das Bild aktiv zu gestalten. Die einzige Chance besteht darin, den Bildaufbau und das einfallende Licht klug zu wählen. Und das ist etwas, dass ich wirklich jedem empfehlen kann.

Wer sich in seinen Möglichkeiten limitiert, hat unweigerlich die Chance, sich endlich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

27 Bilder – welches Motiv ist es wert?

Wie viele Bilder man genau zur Verfügung hat, ist natürlich auch abhängig vom Film selbst. Möglich sind auch 24, 30 oder 32 Bilder. Tatsache ist aber, dass bei dieser geringen Anzahl sehr genau überlegt sein will, welches Motiv es wirklich wert ist. Natürlich ist es sehr wahrscheinlich, dass auch nach dem Entwickeln der analogen Bilder, Exemplare aussortiert werden, die einfach nicht überzeugend sind. Schlussendlich wird man aber zwangsläufig aufhören, wild herumzuknipsen.

Fotografieren lernen heißt, Sehen lernen und kaum ein anderes Werkzeug ist besser für diese Übung geeignet als die analoge Fotografie.

Analoge Fotografie als Lehrmeister

Blende, Belichtungszeit und ISO-Wert – das Beherrschen des Belichtungsdreiecks ist unerlässlich im Umgang mit der Kamera. Wenn es dir wie mir geht, wirst du einen Großteil deiner Einstellungen grob schätzen, ein Probebild machen und dann entsprechend nachjustieren. Mit einer Digitalkamera ist das ja auch kein Problem. Wie wir aber bereits festgestellt haben, ist das in der analogen Fotografie eben nicht so einfach möglich. Wir müssen sehr genau wissen was wir tun. Der oft eingebaute Belichtungsmesser in den alten Kameras ist oft nur eine Einschätzung. Wenn wir aber künstlerisch Einfluss nehmen wollen, dürfen wir auf diese Empfehlung nicht immer Rücksicht nehmen und müssen darauf vertrauen, dass wir alle Einstellungen richtig getroffen haben. Diese Tatsache ist natürlich nur dann von Belang, wenn wir mit einer analogen Kamera arbeiten, die solche Spielereien erlaubt (also nicht die bunte Kinder-Plastikkamera für sieben Euro aus der Drogerie).

Analoger Überraschungseffekt

Nicht zuletzt ist es der Überraschungseffekt, welcher auf so viele von uns eine Wirkung ausübt. Und das behaupte ich jetzt nicht einfach so, sondern dies ist das, zugegebenermaßen wenig wissenschaftliche, Ergebnis meiner Umfrage auf Instagram (@derfotovogel). 89% der Teilnehmer überzeugte an der analogen Fotografie vor allem der Überraschungseffekt. Wie auch nicht? Ist es nicht ein besonderes Gefühl, seine Filmrolle oder seine Einwegkamera einzuwerfen und dann tagelang sehnsüchtig darauf zu warten, nicht wissend, wie sie aussehen werden? Oder wie unbeschreiblich muss es gewesen sein, als man vor Jahren Vivian Maiers Filmrollen entwickelte, ohne je zu ahnen, dass die darauf enthaltenen Werke sie posthum berühmt machen würden?

Was genau wir an analoger Fotografie lieben, ist eigentlich unerheblich. Wichtig ist, dass wir sie am Leben erhalten und verstehen, was sie uns zu lehren vermag.

Und nun bist du dran! Lass mich wissen, was du von analoger Fotografie hältst.

Liebe Grüße

Deine Stephie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.